Kinderkrebs um Atomkraftwerke

Schon seit Jahren weisst die Ulmer Ärzteinitiative auf erhöhte Kinderkrebsraten in der Umgebung von Atomkraftwerken hin.


Übersicht über nationale und internationale Studien

Zusammenfassung Nach einer Darstellung der aktuellen Auseinandersetzungen um die Ergebnisse der Koerblein-Studie 2001, die erhoehte Kinderkrebsraten in der Umgebung bayerischer Kernkraftwerke nachweist, wird ein Ueberblick weiterer internationaler und nationaler Untersuchungen zum Thema Kinderkrebs um Atomkraftwerke gegeben.

Auseinandersetzungen um die Koerblein-Studie 2001 Schon seit 1998 (1) weist die Ulmer Aerzteinitiative, Regionalgruppe der IPPNW auf Ergebnisse von Arbeiten des Wissenschaftlers Dr. Alfred Koerblein, Umweltinstitut Muenchen e.V. hin, die zeigen, dass die Kinderkrebsrate in der Umgebung von Kernkraftwerken erhoeht ist.
Diese Ergebnisse wurden aber seinerzeit in der Oeffentlichkeit und in der Wissenschaftswelt nicht wahr- und ernst genommen. Anders im Fruehjahr 2001, als eine von der Ulmer Aerzteinitiative initiierte und von Koerblein durchgefuehrte Studie (2) veroeffentlicht wurde. Koerblein untersuchte darin Kinderkrebserkrankungen in der Umgebung
bayerischer Atomkraftwerke im Zeitraum von 1983 – 1993. Er kommt zu dem Ergebnis, dass die Krebsrate bei Kindern in den Landkreisen um die bayerischen Atomkraftwerke hochsignifikant um 29 % erhoeht war. Um das AKW Gundremmingen betrug die Erhoehung sogar 38 %. Das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS), davon unmittelbar in Kenntnis gesetzt, versuchte zwar auch hier erneut, diese Ergebnisse zu ignorieren und in ihrem Stellenwert nicht anzuerkennen. Aber anders als bei Koerbleins vorhergehenden Arbeiten fanden die Ergebnisse nicht zuletzt durch eine breit angelegte Presseinformation der Ulmer Aerzteinitiative, im weiteren Verlauf auch mit Unterstuetzung des Vorstandes der IPPNW und sueddeutscher Umweltgruppen und Parteifraktionen von Gruenen und ÖDP eine deutliche Resonanz in der oeffentlichen Wahrnehmung. In einem offenen Brief (3) forderte die IPPNW das BfS auf, weitere Studien zur Ursachenklaerung zu veranlassen. Die anhaltende Weigerung von dort hatte eine Protest-Briefaktion an die zustaendigen Politiker, Ministerien und an das BfS mit über 10.000 Unterschriften zu Folge.

Im Juli 2001 kam es in Kassel zu einem Gespraech zwischen Vertretern des BfS auf der einen Seite und
Mitgliedern der IPPNW, der Ulmer Aerzteinitiative und des Umweltinstituts Muenchen auf der anderen Seite,
mit dem Ergebnis, dass man sich auf die Durchfuehrung von neuen Untersuchungen einigte. Im einzelnen wurde vereinbart: 1. Dass die Ursachen fuer das gehaeufte Auftreten von Tumoren bei Kindern in den bayerischen Landkreisen mit einer Fall-Kontrollstudie untersucht werden soll. Dabei soll die genaue Entfernung des Wohnorts der Kinder vom Reaktor in die Untersuchung mit eingehen. 2. Zusaetzlich wird vom BfS eine oekologische Studie zum Krebsgeschehen in der Umgebung aller in Betrieb befindlichen deutschen Atomkraftwerke in Auftrag gegeben.

Die Studiendesigns für beide Studien sollen in wissenschaftlichen Arbeitsgruppen entwickelt werden, zu denen neben dem BfS und dem Umweltinstitut Muenchen auch andere Experten hinzugezogen werden sollen. Die Fall-Kontrollstudie (1) soll noch 2002 beginnen und voraussichtlich ueber 5 Jahre laufen. Die Ergebnisse der oekologischen Studie (2) sollen Mitte 2002 vorliegen. Ebenfalls wurde in dem Ergebnisprotokoll des Gespraechs (4) vereinbart, dass in den Fragen des Studiendesigns, des Studienablaufs und der Ergebnisse Transparenz sichergestellt wird. Ein wesentliches Ergebnis dieser Gespraeche war, dass das Bundesamt für Strahlenschutz im Gegensatz zu vorausgegangenen Reaktionen die Korrektheit der Ergebnisse von Koerbleins Arbeiten anerkannte und diese zum Anlass nahm, weitere Folgestudien zu veranlassen. Die Vorarbeiten hierzu sind schon angelaufen. Die wissenschaftlichen Arbeitsgruppen
fuer beide Studienentwürfe haben im November 2001 ihre erste Sitzung abgehalten. Beteiligt waren dabei neben Vertretern des Umweltinstitutes München, der IPPNW und des BfS, das Mainzer Kinderkrebsregister (IMSD), das Bremer Institut fuer Präventionsforschung, Sozialmedizin und Epidemiologie (BIPSE), das Forschungszentrum für Umwelt und Gesundheit, Neuherberg (GSF) und Vertreter der Universitäten Bielefeld und Muenchen. Das Bundesumweltministerium stellte einen „beobachtenden“ Vertreter. In einer weiteren Sitzung sollen im April 2002 die Entwuerfe endgueltig festgelegt werden. Danach ist geplant, dass das BfS in einer Ausschreibung diese Arbeiten vergibt. Für die oekologische Studie (2) wurde von der Arbeitsgruppe ein veraenderter und erweiterter Studienansatz gewaehlt, eine sogenannte oekologische Fall-Kontrollstudie. Dadurch wird sich der zunaechst auf Mitte 2002 vorgesehene Zeitplan der geplanten Veroeffentlichung verzögern.Die Ergebnisse der erfolgreichen Kasseler Verhandlungen im Juli 2001 fanden eine breite oeffentliche Resonanz und Zustimmung. Allerdings wurde im weiteren Verlauf auf verschiedenen Ebenen und Kanaelen versucht, die Ergebnisse wieder kleinzureden und sogar inhaltlich in das Gegenteil zu verkehren. Zum Beispiel fallen die Antworten der rot- gruenen Bundesregierung im August 2001 (5) auf eine kleine Anfrage zu diesem Thema weit hinter die Gespraechsergebnisse der eigenen Ausfuehrungsbehörde, das BfS zurueck. Auch bleiben Veroeffentlichungen des Mainzer Kinderkrebsregisters sowohl im Deutschen Aerzteblatt (6), als auch auf deren Homepage (7) in Form und Wortwahl deutlich bemueht, Koerbleins Arbeiten weiterhin zu diskreditieren. In noch markanterer Weise beharrt auch die Bayerische Staatsregierung und das Bayerische Staatsministerium für Landesentwicklung und Umweltfragen (8)
- ungeachtet der Kasseler Gespraechsergebnisse und deren Umsetzung - auf alten Einschaetzungen und Diktionen, die von Wissenschaftlern, die an den o.g. Studienentwuerfen arbeiten, nicht geteilt werden. Nicht zuletzt lassen auch die an den bayerischen AKW beteiligten Atomenergiekonzerne nichts unversucht, um Koerbleins Arbeiten in Misskredit zu bringen.Es erscheint mir deshalb an dieser Stelle sinnvoll, mit Hilfe von Ergebnissen und Methoden anderer und frueherer Arbeiten, die sich mit diesen oder aehnlich gelagerten Problemen beschaeftigten, einen Einblick ueber die Gesamtproblematik zu vermitteln. Dies geschieht allerdings ohne Anspruch auf Vollstaendigkeit.

Internationale Untersuchungen In den USA wurde fuer den Zeitraum 1982-85 in der Umgebung
des Siedewasserreaktors Pilgrim, Massachusetts mittels einer oekologischen Studie eine hoehere Inzidenz für Leukaemien und maligne Lymphome nachgewiesen. Auffaellig war hier eine hoehere Erkrankungsrate bei den Erwachsenen über 25 Jahre (9).

1988 wurde in den USA anlaesslich einer Untersuchung in der Umgebung der Atomanlage von Hanford festgestellt, dass Kinder mit Neuralrohrdefekten vermehrt von Eltern abstammen, die vor der Zeugung erhoehten Strahlendosen ausgesetzt waren. Bei der folgenden Untersuchung weiterer Fehlbildungsarten waren angeborene Hueftgelenksluxationen und tracheooesophageale Fisteln bei den Kindern erhoeht, deren Eltern in der Anlage von Hanford beschaeftigt waren (10).

Eine internationale Diskussion ueber potentielle biologische Wirkungen niedriger Strahlendosen loesten Fallkontrollstudien in der Umgebung der britischen Atomanlage Sellafield (früher Windscale) aus:Als erste sei hier die Untersuchung von Gardner et al. aus dem Jahr 1990 genannt. Dabei wurde als Fragestellung sowohl die Naehe zur Atomanlage, als auch die Beschaeftigung von Mutter / Vater in der Anlage untersucht. Es zeigte sich ein erhoehtes Risiko an Leukaemie oder Non Hodgin Lymphom zu erkranken, wenn man als Kind dort in der Naehe geboren wurde und wenn der Vater vor oder zur Zeit der Konzeption dort gearbeitet hatte (11).

In einer 1993 veroeffentlichten Folgestudie konnten Kinlen et al. aufzeigen, dass das Risiko nicht nur bei den dort geborenen Kindern und Jugendlichen erhoeht ist, sondern auch bei Kindern, die ausserhalb geboren wurden und erst spaeter dorthin gezogen waren (12).

Untersuchungen in Deutschland Fuer den Zeitraum 1968-79 wurde in den Landkreisen Emsland und Bentheim, Nachbarlandkreise zum AKW Lingen (Siedewasserreaktor, Betriebszeit 1968-77, also einer der ersten kommerziellen Atommeiler der Bundesrepublik) eine oekologische Untersuchung durchgeführt. Grundlage davon waren Meldungen zur Mortalitaet an Krebs und Leukaemien bei Kindern, zur Totgeburtenrate und zur perinatalen Mortalitaet. Ergebnis: Statistische Zusammenhaenge mit den jaehrlichen Radionuklid- Emissionen des Reaktors (13), aber erschwerte Interpretationsmoeglichkeiten der Daten durch wenig exakte Wohnortangaben.

1977 gab es weitere Untersuchungen am AKW- Standort Lingen. Auf Grund von auffaelligen Ergebnissen, die vorher von verschiedenen lokalen Gruppen erhoben wurden, erfolgte eine Analyse der Krebserkrankungen und Leukaemien im Auftrag der Landesregierung Niedersachsen. Ergebnis: Keine beobachteten statistisch auffaelligen Unterschiede zwischen exponierten und nicht exponierten Landkreisen im Untersuchungszeitraum 1970-77 (14) , wobei die Definition „exponiert und nicht exponiert“ bei der anschliessenden Diskussion umstritten blieb.

1980 sammelte ein Kasseler Kinderarzt Erkrankungsfaelle boesartiger Erkrankungen aus seinem Krankengut. In das Blickfeld kam so die Umgebung des Siedewasserreaktors Wuergassen (Betriebszeit 1971-96). Die dort erhobenen Faelle wurden mit den Informationen des Deutschen Kinderkrebsregisters verglichen. Dabei fand sich (bis auf einen Fall) eine voellige Uebereinstimmung. Deshalb erfolgten weitere systematische Untersuchungen in Zusammenarbeit mit der Universitaet Bremen. Es zeigten sich statistisch signifikant erhoehte Erkrankungsraten im Abstand von 15 – 20 km um den Reaktor ( nicht aber für den 0-10 km, bzw. 0-15 km Radius). Als moegliche Erklaerung dafuer wurden gasfoermige Emissionen aus dem Schornstein des Reaktors diskutiert (15).

1981 fuehrte das Institut fuer Strahlenhygiene (ISH) im Auftrag des Bayerischen Staatsministeriums für Landesentwicklung und Umweltfragen eine Studie zu Leukaemien aller Altersgruppen um die Standorte von bayerischen Nuklearanlagen fuer den Zeitraum 1976-81 durch. Dabei wurden neben den 3 damaligen kommerziellen Leistungsreaktoren (Gundremmingen, Isar I, Niederaichbach) der Versuchsreaktor in Kahl und die zwei Forschungsreaktoren Neuherberg und Garching in die Untersuchung einbezogen. Hauptergebnis: Überwiegend keine statistisch signifikanten Auffaelligkeiten, allerdings Auffaelligkeiten bei den beiden Forschungsreaktoren, insbesonders bei Jungen unter 15 Jahren in der Umgebung von Neuherberg, wobei sich die Abstandsregionen von Garching und Neuherberg weit ueberlappen (16).

1992 veroeffentlichte das Instituts fuer Medizinische Statistik und Dokumentation (IMSD) der Universitaet Mainz eine Untersuchung zur Haeufigkeit von Krebserkrankungen im Kindesalter (bis 14 Jahre) in der Umgebung westdeutscher kerntechnischer Anlagen im Untersuchungszeitraum 1980-1990 (KKW-1 Studie). Im Hauptergebnis der Studie waren alle malignen Erkrankungen bei Kindern in den 0-15 km-Regionen um alle Standorte unauffaellig. Auffaelligkeiten zeigten sich jedoch bei einer Subgruppe ausgewaehlter Diagnosen, den malignen Lymphomen, Leukaemien, Neuroblastomen und Nephroblastomen. Am auffaelligsten war, dass die als besonders strahleninduzierbar geltenden akuten Leukaemien bei Kindern unter 5 Jahren, sowohl im 0-5 km-Umkreis als auch im 0-15 km-Umkreis um alle Standorte statistisch signifikant erhoeht waren. Auch zeigten in dieser Untersuchung die aeltesten Atomanlagen, die schon vor 1970 in Betrieb genommen worden waren, die auffaelligsten Ergebnisse (17).

1993 waren die Ergebnisse der o.g. Untersuchung um den Standort Wuergassen Anregung für erweiterte Untersuchungen, durchgeführt an der Universitätsklinik Goettingen (Untersuchungszeitraum 1980-88). Dabei fielen erhoehte, aber statistisch nicht signifikante Erkrankungsraten bei Leukaemien und malignen Tumoren auf (18).

Fast zeitgleich mit dieser westdeutschen Goettinger Studie wurde 1993 in Ostdeutschland eine Untersuchung der Umgebung von DDR- Atomanlagen (Untersuchungszeitraum 1979-88) durchgefuehrt. Im Gegensatz zur BRD stand dort als Grundlage ein umfangreiches Krebsregister zur Verfuegung. Untersucht wurden die Standorte Greifswald, Rheinsberg und Rossendorf. Es zeigten sich erhoehte, allerdings statistisch nicht signifikante Erkrankungsraten bei allen Krebserkrankungen und Leukaemien im Nahbereich um alle drei Standorte. Signifikant waren die Ergebnisse bei gemeinsamer Auswertung aller Standorte und Betrachtung von allen Krebserkrankungen im Umkreis von 0-10 km (19).

Das Bremer Institut fuer Praeventionsforschung, Sozialmedizin und Epidemiologie (BIPSE) untersuchte fuer den Zeitraum 1993-95 retrospektiv die Region Elbmarsch. Ursache dafuer waren vermehrte Leukaemierekrankungen in der Umgebung des Siedewasserreaktors Krümmel (suedoestlich von Hamburg). Zwischen 2/90 und 5/91 erkrankten dort fuenf Kinder und ein Jugendlicher an akuter Leukaemie. Von 5/91-10/01 traten fuenf weitere Leukaemieerkrankungen auf. Durch die Untersuchung wurde dies als statistisch hochsignifikante raeumlich-zeitliche Haeuufung bestaetigt. Zusaetzlich zeigte sich auch eine Erhoehung bei der Erkrankungsrate der Erwachsenen. Die Ursachen dafuer sind bis zum heutigen Tag noch nicht aufgeklaert (20).

1997 wurde vom IMSD eine Nachfolgestudie (KKW-2 Studie) zur o.g. KKW-1 Studie von 1992 veroeffentlicht. Untersucht wurden wiederum alle Standorte von kerntechnischen Anlagen in Westdeutschland (alle Kernkraftwerke, alle Forschungsreaktoren, alle Reaktoren, auch mit nur kurzer Laufzeit) mit einer Auswertung fuer den Zeitraum von 1980-1995. In ihrer Zusammenfassung schreiben die Autoren, dass die in der KKW-1 Studie auffaelligen Beobachtungen in der KKW-2 Studie keine statistisch signifikanten Ergebnisse brachten. Dies gelte "insbesondere auch (...) fuer die viel diskutierte Beobachtung einer Haeufung von Leukaemieerkrankungen bei Kindern unter 5 Jahren in der Nahumgebung von kerntechnischen Anlagen (<5 km)" (21).

Eine 1999 durchgefuehrte Reanalyse der KKW-2- Studie, die sich mit dem selben Zahlenmaterial auf die Untersuchung der Standorte nur der Kernkraftwerke konzentriert, weist eine um 53% erhoehte Leukaemierate von Kleinkindern im Nahbereich der Kernkraftwerke nach (22).

Aehnliche Effekte zeigen sich bei einer Neuauswertung von Daten durch Koerblein aus einer Studie von 1995 des Instituts fuer Strahlenhygiene (ISH), einer Unterabteilung des BfS. Darin wurde keine erhoehte Krebsrate bei Kindern um die 5 bayerischen Standorte von kerntechnischen Anlagen gefunden. Koerbleins Reanalyse brachte eine signifikante 35%-ige Erhoehung der Kinderkrebsrate, wenn nur die drei Standorte von bayerischen Atomkraftwerken in die Untersuchung einbezogen werden, also der Forschungsreaktor Garching und der stillgelegte Versuchsreaktor Kahl ausgenommen werden (23).

Die Anfang 2001 veroeffentlichte Untersuchung zu Kinderkrebserkrankungen in der Umgebung bayerischer Atomkraftwerke Zeitraum (1983-93) wurde bereits am Anfang des Artikels beschrieben.

Juengste mysterioese Funde von radioaktiven Partikeln in der Elbmarsch erinnern erneut an die dort erhoehten Leukaemieraten in der Umgebung des AKW Kruemmel (s.o.). In unmittelbarer Nachbarschaft des AKW wird auch eine atomare Forschungseinrichtung betrieben. Wissenschaftler der Arbeitsgemeinschaft Physikalische Analytik und Messtechnik (ARGE PhAM) haben in einer am 5.7.2001 veroeffentlichten Studie das Vorkommen von sogenannten PAC-Kernbrennstoff-Kuegelchen im Nahbereich der Geesthachter Atomanlagen (Elbmarsch- und Elbgeest) wiederholt bestaetigt. In Untersuchungen an den Universitaeten Giessen und Marburg wurde angereichertes Uran in 15 von insgesamt 16 Bodenproben rund um die Anlagen nachgewiesen. Ein Einfluss durch Bombenfallout oder Tschernobyl kann zweifelsfrei ausgeschlossen werden. Die Forscher gehen nach derzeitigen Erkenntnissen davon aus, dass die radioaktiven Partikel bei einem vertuschten Atomunfall in einer Forschungseinrichtung freigesetzt worden sind. Die Studie der ARGE PhAM wurde von der IPPNW in Auftrag gegeben. Der IPPNW ist bekannt, dass am 12.9.86 innerhalb und ausserhalb des Atomkraftwerks eine radioaktive Kontamination aufgetreten war. Es wurden Kontrolleure mit Strahlenschutzanzuegen beobachtet. Die Erklaerung der Atomaufsicht, es habe sich um einen Aufstau von natuerlicher Radioaktivitaet durch Radon gehandelt, das von aussen in das Gebaeude angesaugt worden sei, ist erkennbar unsinnig. Die Messgeraete im Atomkraftwerk zeigten am 12.9.86 für jeweils eine knappe Stunde einen zeitversetzten Anstieg um mehrere Groessenordnungen, bei denen es sich um „signifikante Pruefpeaks“ handeln soll. Hierzu Gutachter Gabriel: „Die Behauptung der Behoerden ist Volksverdummung. Selbst wenn die gesamte Geest aus Uran bestuende, koennte sich keine entsprechende Radon-Aktivität aufbauen.“ Die IPPNW forderte im Juli 2001 die Atomaufsichtsbehoerde in Kiel auf, ihr Wissen um Stoerfälle und Atomunfaelle in den Geesthachter Atomanlagen endlich offenzulegen. Die Staatsanwaltschaft in Luebeck ermittelt zur Zeit. Ein Ergebnis dieser Ermittlungen liegt noch nicht vor (24).

Fazit Die Geschichte der Untersuchungen ueber Erkrankungen in der Umgebung von Atomanlagen erinnert teilweise an einen Kriminalroman mit vielen, zunaechst unübersichtlichen Indizien. Auch in vielen anderen Untersuchungen finden sich Hinweise und Beweise von Gesundheitsschaeden in der Umgebung von Atomanlagen. Es liegt allerdings in der Natur der Sache, dass sich eine direkte und ursaechliche Beweisfuehrung immer schwierig gestaltet. Eine solche ist durch die gegebenen Umstände (Kleine Fallzahlen, Gesetze der Statistik, Multivariabilitaet der Tumorausloesung, Latenz der Erkrankungen, etc.) nahezu unmoeglich. Auch wenn die Betreiber und die Befuerworter der Kernenergienutzung nicht muede werden, immer wieder zu betonen, dass es keine Beweise gaebe, dass die Kernenergienutzung als Krankheitsursache in Frage kaeme, darf dabei nicht uebersehen werden, dass es gerade die AKW- Betreiber sind, die den Beweis ihrer Unschuld nicht fuehren koennen. Von niemanden ist bisher schluessig und ursaechlich nachgewiesen worden, dass Kernenergienutzung für Mensch und Tier in der Umgebung der betriebenen Anlagen wirklich ungefaehrlich sei. Es ist ueberfaellig, die Beweislast endlich umzukehren. Es ist nun Sache der AKW- Betreiber, die Unbedenklichkeit des Betriebes ihrer Anlagen zu beweisen.

Reinhold Thiel

Der Aufsatz ist gedruckt veröffentlicht in der Hintergrundbroschüre "Nebenwirkungen der Atomenergie", Publikationen der IPPNW 2002


Literatur

(1) Vortragsveranstaltung 22.6.98 im Stadthaus Ulm mit Dr. Körblein „Doch vermehrt Krebserkrankungen und Mißbildungen bei Kindern im Bereich des AKW Gundremmingen? – Neue Erkenntnisse aus wissenschaftlichen Studien“, anschließend mehrjähriger Schriftverkehr mit dem Bundesamt für Strahlenschutz und den Umweltministerien, diverse Presseveröffentlichungen (www.ippnw-ulm.de) (2) z.Zt. veröffentlicht auf der Homepage des Umweltinstitutes München e.V. (www.umweltinstitut.org) (3) Offener Brief der IPPNW an das Bundesamt für Strahlenschutz vom 30.März 2001, dokumentiert unter www.ippnw-ulm.de (4) Ergebnisprotokoll des Treffens zwischen BfS, IPPNW und dem Umweltinstitut München am 11.07.2001 in Kassel (Original beim Verfasser) (5) Antwort der Bundesregierung auf die kleine Anfrage der Abgeordneten Eva Bulling-Schröter (Bundes-Drucksache 14/6773) (6) Kaatsch P, Spix C, Michaelis J, „Datenfischen“ Deutsches Ärzteblatt (DÄ), Jg.98, Heft 38 vom 21.9.01, S. 2405 und Leserbriefe dazu im DÄ Heft 45 vom 9.11.01 S. 2945, 2946 (7) www.kinderkrebsregister.de (8) Bericht der Bayerischen Staatsregierung an den Bayerischen Landtag, Konsequenzen aus der Studie der Internationalen Ärzte für die Verhütung des Atomkriegs (IPPNW) in Ulm über gehäufte Kinderkrebsrat im Umkreis der bayerischen Atomkraftwerke, Drs.14/7034 mit Begleitschreiben des Staatsminsisters Dr. Werner Schnappauf vom 11.0.2002 (9) Clapp R, Cobb S, chan C, Walker B, Leukemia near Massachusetts nuclear power plant (letter), Lancet 1987, 2: S. 1324-1325 (10) Sever LE, Gilbert ES, Hessol NA, McIntyre JM, A case-control study of congenital malformations and occupational exposure to low-level ionizing radiation. Am J Epidemiol 1988;127:226-242 (11) Gardner MJ, Snee MP, Hall AJ, Powell CA, Downes S, Terell JD, Results of a case-control study of leukemia and lymphoma among young people near Sellafield nuclear plant in West Cumbria, BMJ 1990, 300, S. 423-442 - auch: Gardner MJ, Hall AJ, Snee MP, Powell CA, Downes S, Terell JD, Methods and basic data of case-control study of leukemia and lympoma among young people near Sellafield nuclear plant in West Cumbria, BMJ 1990, 300, S.429-434 (12) Kinlen LJ, Can paternal preconceptionel radiation account for the increase of leukaemia and non-Hodgkin`s lymphoma in seascale? (ss comments), BMJ 1993, 306, S.1718-1721 (13) Stein B, Krebsmortalität von Kindern unter 15 jahren, Säuglingssterblichkeit und Totgeburtenrate in der Umgebung des AKW Lingen, Berlin: Arbeitsgruppe Umweltschutz, Berlin e.V., Eigenverlag 1988 (14) Kater H, Erhöhte Leukämie- und Krebsgefahr durch Kernkraftwerke? Niedersächsisches Ärzteblatt Heft 20, 1978, S. 658, 659 (15) Demuth M, Leukämiemorbidität bei Kindern und Jugendlichen in der Umgebung des Kernkraftwerkes Würgassen, Eigenverlag 1989 – und DemuthM, Leukämiemorbidität bei Kindern in der direkten Umgebung des Kernkraftwerkes Krümmel, in: Gesellschaft für Strahlenschutz GSS(Hrg.), Neue Bewertung des Strahlenrisikos, München, MMV Medizin Verlag, 1993, S. 167-173 (16) Grosche B, Hinz G, Tsachavidis C, Kaul A, Analyse der Leukämiemorbidität in Bayern in den Jahren 1976-1981, Teil I und Teil II, Neuherberg: Bayerisches Staatsministerium für Landesentwicklung und Umweltfragen (Hrg), Institut für Strahlenhygiene des Bundesamtes für Strahlenschutz, 1987 (17) Keller B, Haaf G, Kaatsch P, Michaelis J, Untersuchungen zur Häufigkeit von Krebserkrankungen im Kindesalter in der Umgebung westdeutscher kerntechnischer Anlagen 1980-1990, IMSD, technischer Bericht, Mainz, Institut für Medizinische Statistik und Dokumentation der Universität Mainz, 1992 – auch: Michaelis J, Haaf G, Kaatsch P, Keller B, Krebserkrankungen im Kindesalter, DÄ, Heft 30 vom 24.7.92 S. 1386-1390 (18) Prindull G,Demuth M, Wehinger H, Cancer morbidity rates of children from the vicinity of the nuclear power plant of Würgassen (FRG), Acta Haematol No.90, 1993, S.90-93 (19) Möhner M, Stabenow R, Childhood malignancies around nuclear installations in the former GDR, Medizinische Forschung 1993, 6:59-67 (20) Dieckmann H, Häufung von Leukämieerkrankungen in der Elbmarsch, Gesundheitswesen 1992, Heft 10, S.592-596 – auch: Hoffmann W, Dieckmann H, Schmitz-Feuerhake I, A cluster of childhood leukemia near a nuclear reactor in Northern Germany, Arch environ Health 1997, 52 (4), S. 275-280 – auch: Hoffmann W, Greiser E, Beitrag der Epidemiologie zur Untersuchung von Erkrankungshäufungen in der Umgebung von sogenannten Punktquellen, In: PublicHealth-Forschungsverbünde in der Deutschen Gesellschaft für Public Health e.V. 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(24) Radioaktivität in Elbmarsch und Elbgeest, Untersuchung der ARGE PhAM im Auftrag der IPPNW, Akzente, Schriftenreihe der IPPNW, Berlin, Juli 2001


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