60 Jahre Atomenergie bedeuten 60 Jahre Produktion von Atommüll

Schon seit über 60 Jahren werden extrem bedrohliche Probleme für die Menschheit, die erst durch die Produktion von Atommüll entstehen, von vielen verdrängt und von allen Regierungen, Militärs und Energiekonzernen schön geredet. Deutschland produziert seit über 40 Jahren Atomstrom und Atommüll. Das neue Feigenblatt der nächsten 40 Jahre nennt sich bei uns jetzt: Standortnahes Zwischenlager. Ein sicheres Endlager für Atommüll ist jedoch nicht in Sicht.

Im Jahr 2000 sind an allen deutschen Atomkraftwerken standortnahe Zwischenlager (ZL) für Atommüll beantragt worden. 2001 wurden vom Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) die Genehmigungsverfahren eröffnet. Schriftliche Einwendungsverfahren und mündliche Erörterungstermine wurden wie am Fließband, Standort für Standort durchgeführt. Der Terroranschlag am 11.9.01 in den USA hatte die anfängliche Genehmigungs- Euphorie des BfS bzw. des Bundes- Umweltmini-steriums (BMU) etwas gedämpft. Zum Problem Zwischenlager und Terrorgefahr wurden vier Gutachten in Auftrag gegeben und zwischenzeitlich ausgearbeitet. Der genaue Text dieser Gutachten wird allerdings der besorgten Öffentlichkeit bis heute vorenthalten . Lediglich die Reaktorsicherheitskommission (RSK) veröffentlichte auf ihrer Homepage eine Stellungnahme zur Sicherheit bei Flugzeugabstürzen . RSK- Tenor: Die CASTOREN in einem ZL werden den gezielten Absturz eines Großflugzeuges überstehen ohne undicht zu werden (unter der theoretischen und fragwürdigen Voraussetzung, dass das Kerosin bei einem solchen Unfall höchstens 50 Minuten brennen würde). Auch viele anderen Grundannahmen erscheinen "zurechtgebogen". Offensichtlich veröffentlicht die RSK auch unter ihrem neuen - früher als AKW- kritisch bekannten - Vorsitzenden Michael Sailer nur das, was die rot- grüne Regierung wünscht. Es sprechen viele Indizien dafür, dass kritische Stimmen einfach mundtot gemacht werden . Denn die Einrichtung von Zwischenlagern ist erklärter politischer Wille und liegt als Garantie für einen gesicherten Atombetrieb und ungeschmälerte Gewinnabschöpfung im Interesse der Energiekonzerne. Der Bau neuer ZL an den AKW-Standorten ist Hauptbestandteil des "Atomkonsens". Deshalb werden - Bedenken hin, Bedenken her - in den nächsten Monaten bundesweit an allen AKW- Standorten die Genehmigungen ausgesprochen werden. Die erste Genehmigung erteilte das BfS am 7.11.02 für das Zwischenlager am Standort Lingen, es folgten bald die Genehmigungen von Grohnde und Grafenrheinfeld, im Herbst 2003 von Neckarwestheim, Biblis, Unterweser und Isar. Bis Ende 2003 sollen die Genehmigungen auch aller restlichen Standorte sogar mit der Möglichkeit des Sofortvollzuges vorliegen.

Atommüll- Produktion am Beispiel des AKW Gundremmingen

Das AKW Gundremmingen in Süddeutschland, nahe Ulm, etwa auf der halben Strecke zwischen München und Stuttgart gelegen, ist Deutschlands größtes Atomkraftwerk. Dort werden in den 2 Blöcken B+C jeweils mit 1344 MW durchschnittlich 20 Milliarden Kilowattstunden Strom pro Jahr produziert. Beide Blöcke sind Siedewasserreaktoren, ein veralteter Bauarttyp mit nur einem Hauptkreislauf. Jeder Block ist mit 784 Brennelementen (BE) bestückt. Ein BE enthält rund 174 Kilogramm Uran und besteht aus 80 bzw. 90 Brennstäben. 1993 wurden von Gundremmingen die ersten abgebrannten Brennelemente in die damals noch nicht genehmigte Plutoniumfabrik WAA Thorp (Sellafield) geschickt. Seit 1995 werden weltweit erstmalig in großem Umfang in Siedewasserreaktoren plutoniumhaltige MOX- Brennelemente (MOX-BE) eingesetzt. Atommüll aus MOX-BE ist durch erhöhte Abklingraten und deutlich giftigere Spaltprodukte schwieriger zu lagern und noch gefährlicher. Das von den Eigentümern Eon und RWE beantragte ZL soll Deutschlands bisher größtes Atommüll-Lager werden. Die dort beantragten Aktivitätslagermengen übersteigen mit 2,7E+20Bq sogar die bisher genehmigten Aktivitätslagermengen (je 2,00E+20 Bq) der zentralen Zwischenlager in Ahaus und Gorleben.

Plutonium - An jedem Tag wird neuer tödlicher Atommüll produziert

Allein das AKW Gundremmingen produziert täglich etwa 170 kg strahlenden Atommüll neu. Darin sind ca. 1,7 kg Plutonium enthalten . Wie entsteht dieser Müll? Im Atomkraftwerk werden, um Wärmeenergie zu erzeugen, durch Kettenreaktion spaltbare Atome des Uran 235 getrennt. Dabei entstehen langlebige und extrem radiotoxische Spaltprodukte wie: Strontium-90, Cäsium-137, Krypton-85, Xenon-136, Jod-129, etc. Darüber hinaus wird durch Neutroneneinfang das so gefährliche Plutonium erbrütet.

Bundesdeutsche Atommüllmengen

Schwermetalle: Nicht nur in Gundremmingen werden täglich 170 kg radioaktive Schwermetalle produziert, für Deutschland schätzt man rund 8,1 mal so viel, also 1377 kg pro Tag (weltweit das 15-fache Deutschlands). Brennelemente (BE): Durch AKW-Betrieb entstanden bis Ende 1986 in Deutschland "erst" 2.568 Tonnen abgebrannter BE. Bis zum Jahr 2000 waren schon 8.472 Tonnen ganz verbrauchte und 1.188 Tonnen teilverbrauchte BE angefallen. Zur Zeit werden bundesweit jährlich weitere ca. 450 Tonnen BE "verbrannt" und damit zu Atommüll. Durch stärkere Anreicherung und höheren Abbrand wird zwar die jährliche Menge der BE etwas vermindert, die dabei künstlich geschaffenen Radioaktivität jedoch nicht. Im Gegenteil: Durch stärkere Anreicherung und höheren Abbrand entsteht Atommüll mit noch mehr Problemen: höhere Toxizität und längere Abklingzeiten.

Wiederaufbereitung - In La Hague und Sellafield wird Atommüll nicht "entsorgt".

In bewusster Irreführung der Öffentlichkeit werden die Plutoniumfabriken in La Hague und Sellafield harmlos als Wiederaufbereitungsanlagen (WAA) bezeichnet. In Wirklichkeit gefährden diese Fabriken im extremen Umfang Gesundheit und Umwelt durch die Freisetzung von radioaktiven Stoffen. Ein normales neues BE besteht zu rund 96 % aus nicht spaltbarem Uran 238 und zu 4 % aus spaltbarem Uran 235. Nach einem 3-4-jährigen Abbrand finden sich im BE noch 94 % Uran 238 und 1% Uran 235. Neu entstanden sind rund 4% extrem strahlender Spaltprodukte und 1% Plutonium. In den Plutoniumfabriken werden diese 4 Fraktionen getrennt. Früher hatte man dann hauptsächlich das Plutonium zum Bau von Atombomben weiter "genutzt". Heute wird ein kleiner Teil davon wieder in MOX-Brennelemente (MOX-BE) eingebaut. Das abgetrennte Uran 235 (wiederaufbereitetes Uran = WAU) wird - da zu verunreinigt - entgegen allen früheren Ankündigungen praktisch nicht mehr verwertet. Das Uran 238 sollte in schnellen Brütern zu spaltbarem Plutonium umgewandelt werden. Die Technologie des schnellen Brüters ist allerdings bereits weltweit gescheitert. "Wiederaufbereitungsanlagen" recyceln also keineswegs Atommüll. Die Brennelemente werden lediglich in vier Teile zerlegt und alles Material muss dann wieder zurückgenommen werden. Weder Masse, noch Radioaktivität des Atommülls wird verringert. Eine "Entsorgung" findet dort nicht statt.

Atommüll kann nicht verbrannt werden

Weit verbreitet ist immer noch die irrige Vorstellung, dass durch Wiederaufbereitung und Einsatz von plutoniumhaltige MOX-BE Atommüll geschickt verbrannt werde. Auch durch die Verwendung von Plutonium in den MOX-BE verringert sich die Atommüllmenge weder im Gewicht noch in der Radioaktivität. Es entstehen sogar mehr, noch giftigere und noch langlebigere Spaltprodukte mit noch längeren Abklingzeiten. Auch alle anderen theoretisch denkbaren Verfahren, den Müll physikalisch unschädlich zu machen, sind unpraktikabel.

Wo lagert der bisher angefallene deutsche Atommüll ?

Die beiden bisher bestehenden zentralen deutschen ZL im niedersächsischen Gorleben und im westfälischen Ahaus sind für 7.800 Tonnen Brennelemente ausgelegt. Sie sind zur Zeit nur teilweise belegt. Die größte Menge lagert entweder noch in den Abklingbecken der AKWs oder in den zwei Plutoniumfabriken in Frankreich (La Hague) und England (Sellafield). Das in das Ausland transportierte radioaktive Material muss komplett wieder zurückgenommen werden. Die freien Plätze des ZL Gorleben sind dafür bereits verplant. In La Hague warten schon über 120 CASTOREN auf den Rücktransport nach Deutschland.

Die unselige Allianz von Stromkonzernen und Parteien

Die Stromkonzerne brauchen neue Zwischenlager. Sie haben dafür die Unterstützung der Regierungsparteien SPD und Grüne, aber auch von den Oppositionsparteien CDU, CSU und FDP. Die einen plädieren für eine standortnahe, die anderen lediglich für eine zentrale Variante der Lagerung. Durch neue ZL wird Platz für den Atommüll geschaffen, der in den nächsten 20-30 Jahren anfällt. Der weitere Betrieb der Atomkraftwerke wird nur durch die Errichtung dieser neuen Zwischenlager ermöglicht. Das beantragte Gundremminger ZL könnte sogar den Müll von fast 40 Jahren AKW-Betrieb aufnehmen. Durch standortnahe Zwischenlager erspart man sich Anti-CASTOR-Proteste. Wenn man den Müll nur noch 100 Meter weiter im Werk verschieben muss, wird es kaum jemand bemerken und dagegen protestieren. Es fällt noch weniger auf, dass die angeblich so sauberen Atomtechnologie Atommüll produziert, der Menschen, Tiere und Pflanzen mehr als 100.000 Jahre tödlich bedroht.

Die Sicherheit von Zwischenlagern und CASTOREN

Neutronenstrahlung und Hitzeentwicklung durch anhaltenden Zerfall der Atomkerne gibt es auch weiter in den abgebrannten Brennelementen. Die Hüllen der Brennstäbe dürfen aber nicht heißer als 390 Grad werden, damit sie nicht reißen. Mit Atommüll beladene CASTOREN müssen also gekühlt werden. Deren Oberfläche erhitzt sich auf 40-80 Grad. Über Jahrzehnte hinweg muss ohne Unterbrechung eine Energieabfuhr von 35-45 kW sichergestellt sein. Ständige große Hitze und anhaltender Neutronenbeschuss bewirken Versprödung und stellen maximale Anforderungen an Material und Dichtungen. Die Sicherheitsphilosophie der Betreiber der ZL setzt einzig und allein auf die Sicherheit der CASTOREN. Die Hallen, in denen die CASTOREN in all diesen Jahren lagern sollen, werden offen und ohne Rückhaltebarrieren gebaut. Die Kühlung soll wie im Kuhstall funktionieren. D.h. Frischluft, die durch Öffnungen am Hallenboden eingelassen wird, zieht um die CASTOREN herum und dann erhitzt und ohne Filterung am Dach wieder ab. Wenn ein CASTOR undicht wird, kann keinerlei Radioaktivität zurückgehalten werden. Ein ZL bleibt also nur "sicher", wenn die darin abgestellten CASTOREN hermetisch dicht bleiben. Die bisher bekannt gegebenen Planungen gehen dabei von 40 Jahren aus. Was passiert, wenn in 40 Jahren immer noch kein funktionierendes Endlager bereit steht? Werden sie auch länger dicht bleiben, trotz Hitze und Neutronenbeschuss von innen? Werden die CASTOREN Flugzeugabstürzen standhalten, seien sie gewollt oder ungewollt? Was passiert bei einem Beschuss durch Raketen oder panzerbrechende Waffen? Halten die CASTOREN auch Angriffen und Zerstörungsversuchen eindringender Selbstmordkommandos stand?

Wirklich sicher und unbestritten ist das physikalische Prinzip der Thermik: Warme Luft zieht nach oben. Wenn trotz aller theoretischer Berechnungen und trotz aller Beteuerungen unserer Behörden ein CASTOR undicht oder gar zerstört werden sollte, dann ist eine schnelle Verbreitung des giftigen und radioaktiven Inventars in luftige Höhen mit Hilfe der erhitzten Hallenluft garantiert. In nur einem einzigen CASTOR kann so viel radioaktives Inventar aufbewahrt werden, wie seinerzeit in Tschernobyl freigesetzt wurde.

Reinhold Thiel Oktober 2003

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