Archivdatei zum Thema: 2006 - 20 Jahre nach dem Reaktorunfall von Tschernobyl
Der Reaktorunfall von Tschernobyl ist bisher die folgenschwerste radioaktive Katastrophe in der Geschichte nach den Atombombenabwürfen von Hiroshima und Nagasaki.
Unfallablauf
Am 26. April 1986 wurde um 1 Uhr 23 beim planmäßigen Abfahren zur Revision im Block IV des Kernkraftwerkes Tschernobyl ein gesonderter Sicherheitstest im Kühlwassersystem durchgeführt. Dieser Sicherheitstest misslang und es kommt durch verschiedene menschliche Fehler in kürzester Zeit zu einem ungeplanten Leistungsanstieg. Eine Reaktorschnellabschaltung misslingt und der hochradioaktive Reaktorkern explodiert nur 8 Sekunden später. Ungeheuere Mengen von Kernbrennstoff werden durch einen nachfolgenden Brand in die Umgebung verteilt. Eine radioaktive Wolke zog im Anschluss daran um die ganze Welt.
Ausbreitung der Radioktivität
36 Stunden nach der Explosion wurden stark erhöhte Radioaktivität in Skandinavien gemessen. Am 29. April 1986 kamen die ersten radioaktiven Luftmassen aus der Richtung von Tschechien nach Bayern. 10.000 Quadratkilometer in Belarus, Russland und der Ukraine wurden zur Sperrzone erklärt. Einzelne Gegenden mussten sogar 400 km Luftlinie vom Reaktor entfernt evakuiert werden. Insgesamt wurden 415 Dörfer evakuiert und mit Erde begraben. Über 400.000 Menschen wurden sofort evakuiert, bzw. umgesiedelt
Europaweite Gesundheitsfolgen
Diese Menschen können bis heute noch nicht ohne Gesundheitsgefahren in ihre Heimat zurück. Tausende Quadratkilometer Land sind 20 Jahre danach immer noch unbewohnbar. Die Menschen, die als Liquidatoren nach dem Unfall Aufräumungsarbeiten geleistet haben, sind entweder gestorben oder leiden als Invaliden unter Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Darmentzündungen, chronischer Blutarmut oder Krebs- und Blutkrebserkrankungen. Besonders betroffen waren die Kinder der verseuchten Gegend. Bereits 1990 war die Inzidenz der Schilddrüsenkrebserkrankungen bei Kindern um mehr als das 30-fache erhöht. Im Normalfall erkranken Kinder äußerst selten an Schilddrüsenkrebs. Der stärkste Anstieg der Kinderkrebserkrankungen ist in Oblast Gomel aufgetreten, dem am höchsten radioaktiv verseuchten Gebiet von Belarus. Die erkrankten Kinder waren zum Zeitpunkt des Unfalls jünger als 6 Jahre, mehr als die Hälfte waren jünger als 4 Jahre. Auch bei uns im Westen werden Gesundheitseffekte nach Tschernobyl nachgewiesen. Die Rate der Totgeburten stieg 1986 und 1987 in den belasteten westlichen Ländern an. In Bayern wurde der erwartete Wert sogar um 45% übertroffen. Mehr Neugeborene kamen mit Chromosomenschäden, z.B. als mongoloide Kinder auf die Welt. Allein in Bayern kam es zu 1000 bis 3000 zusätzlichen Fehlbildungen. In Tschechien wurden 400 zusätzliche Schilddrüsenkrebserkrankungen nachgewiesen. In Süddeutschland wurden vermehrt Neuroblastomerkrankungen bei Kindern nachgewiesen. Es gab einen signifikanten Anstieg bei Leukämieerkrankungen in Deutschland, in Griechenland, in Schottland und in Rumänien. Die Erbgutveränderungen, die bei allen radioaktiv belasteten Menschen auftreten können, werden zu Folgen bei künftigen Generationen führen, deren Umfang wir überhaupt noch nicht abschätzen können.
Falschinformationen
Alle diese Fakten sind durch wissenschaftliche Untersuchungen belegt. Trotzdem behauptet die Atomenergiebehörde IAEA noch 2005, dass nur 47 Erwachsene und 9 Kinder nachweislich an den Folgen von Tschernobyl gestorben seien
Unterversicherung der Atomkraftwerke
Wenn bei uns in Deutschland eine vergleichbare Reaktorkatastrophe passieren würde, wären die AKW-Betreiber dafür nicht ausreichend versichert. Nach der derzeit gültigen Regelung würden durch die Versicherungen nur 0,1% des Schadens erstattet werden. 99,9 % des Schadens müssten die Betroffenen selbst oder wir alle zusammen als Steuerzahler aufbringen.
Ausstieg aus der Atomenergie
- Es gibt keine wirkliche Sicherheit gegen technisches Versagen.
- Es gibt keine Sicherheit gegen menschliches Versagen.
- Niemand kann sich das Ausmaß eines zielgerichteten terroristischen Angriffs ausmalen.
- Unsere Gesundheit und unsere Lebensgrundlagen wären unwiederbringlich zerstört.
- Die einzige wirkliche Sicherheit bietet eine umgehende Stilllegung der Atomreaktoren.
Persönlicher Rückblick auf den 1. Mai 1986 in Ulm
Das Gewerkschaftsfest zum 1.Mai 1986 fand in Ulm auf dem Platz vor der Volkshochschule Ulm statt. Obwohl schon in den Tagen vorher die ersten Nachrichten der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl bekannt waren, wurde das Fest nicht abgesagt, weil von Seiten der Universität Ulm und damit auch über die Zeitungen signalisiert wurde, dass keinerlei Gefahren für die Bevölkerung bestünden. Tschernobyl sei ja tausende Kilometer von Ulm entfernt. In den Tagen vorher hatte es zwar in Ulm geregnet, da aber zum 1. Mai die Sonne schien, war die Veranstaltung mit vielen Menschen, Familien und kleinen Kindern gut besucht. Viele Kinder spielten dort munter auf dem Platz vor der vh. Erst Wochen später erfuhr man "aus gut unterrichteten universitären Kreisen", dass viele Familien von Angehörigen der Universität Ulm zufällig in dieser Zeit kurz entschlossene Reisen in den Süden, nach Spanien und Mallorca unternommen hatten. In der Zwischenzeit hatte die Universitätsleitung den Mitarbeitern der Radioaktivitäts-Messstelle untersagt, Informationen über ihre Radioaktivitätsmessungen an die Öffentlichkeit weiter zu geben.
Reinhold Thiel