Archivdatei zu Katastrophenschutz und Jodblockade der Schilddruese, Informationen, Antrag im Landdtag Ba-Wue. und Pressemeldungen 2000 und 2001


Mai 2000

In einer Presseaktion macht die Ulmer Aerzteinitiative darauf aufmerksam,
dass die Ulmer Bevoelkerung im Falle eines Atomunfalles keine ausreichende Versorgung mit notwendigem hochdosierten Jod haette.
Dies gilt nicht nur für die Ulmer Bevoelkerung. Dies gilt für alle Menschen in Deutschland, die nicht naeher als
25 km bei einem Atomkraftwerk wohnen.

Eine Einnahme von hochdosiertem Jod in der jetzt gueltigen Dosierung zum Schutz vor Schilddruesenkrebs wird von der Weltgesundheitsorganisation WHO schon seit 1989 empfohlen.
1997 hat diese Empfehlung auch Eingang in die deutschen Rahmenempfehlungen zum Katastrophenschutz in der Umgebung kerntechnischer Anlagen gefunden.
Das Jod sollte bei einer Reaktorkatastrophe moeglichst rasch, schon vor dem Eintreffen der radioaktiven Wolke in hoher Dosierung (130mg - Tabletten) eingenommen werden.
Die Einnahme einer grossen Menge von nicht radioaktiven und stabilen Jod soll dafür sorgen, dass der Koerper spaeter aus der radioaktiven Wolke kein verseuchtes Jod aufnimmt und in der Schilddruese einlagert.
Dadurch wird das Entstehen von Schilddruesen-Krebs verhindert.
Eine geringe Menge von Jod reicht nicht aus.
Man kann sich nicht mit Hilfe der handelsueblichen Jodtabletten zur Kropfprophylaxe
(z.B. Jodid 100 im µg-Bereich = 0,0001g) schuetzen.
Man muesste über 1000 Tabletten Jodid 100 auf einmal einnehmen!
Zur wirkungsvollen Jod-Blockade sind Tabletten mit mindestens 100 mg (=0,1g) notwendig. Neuerdings sind Tabletten mit 130 mg (=0,13g) Kalium-Jodid vorgeschrieben.

WER BEKOMMT DIESES JOD? FUER WEN GIBT ES KEINE TABLETTEN?

Hochdosierte Jodtabletten werden vor Ort aber nur fuer die Menschen im
25-km-Radius um ein AKW vorraetig gehalten.
Fuer alle anderen Menschen, also auch fuer die Ulmer Bevoelkerung wird das nicht als notwendig angesehen. Ausserhalb des 25-km Kreises wird lediglich fuer Schwangere und fuer Kinder unter 12 Jahren Jodtabletten bevorratet.
Die Tablettenzahl wird aber nur rechnerisch eingeschaetzt.
Die Tabletten sind irgendwo in Deutschland zentral gelagert und werden mit dem Hubschrauber eingeflogen
(12-Std-Frist zur Verteilung). Die neu vorgeschriebenen Jodtabletten mit 130 mg gibt es noch gar nicht.
Wer sich darueber hinaus freiwillig die hochdosierten Jodtabletten besorgen will,
soll sich diese in der Apotheke kaufen.
Zitat aus den gueltigen Rahmenempfehlungen zum Katastrophenschutz:
-" Um jedem Buerger auf freiwilliger Basis die Anwendung von Jodtabletten zu ermoeglichen, sollte der rezeptfreie Erwerb in Apotheken sichergestellt sein"-
In keiner Apotheke werden zur Zeit hochdosierte Jod-Tabletten vorraetig gehalten.
Im Sueddeutschen Großhandel, der die Region Ulm versorgt, gibt es insgesamt nicht einmal 100 Schachteln
(von der veralteten Dosierung mit 100 mg).
(Stand Ende Maerz 2000) Diese 100 Schachteln wuerden nicht einmal fuer die Apotheker und ihre Familien reichen. Tabletten mit der empfohlenen Dosierung mit 130 mg sind noch gar nicht im Handel.
Wir wollen mit dieser Information nicht Kritik an den Apothekern üben.
Die Apotheker sind nicht zustaendig für den Katastrophenfall.

DIE EIGENTLICHE KATASTROPHE IST DER DERZEITIGE STAND DES KATASTROPHENSCHUTZES BEI UNFAELLEN IN KERNKRAFTWERKEN

WISSENSCHAFTLICHE HINTERGRUENDE UND PROBLEME BEI DER JOD-BLOCKADE

Nach einem Reaktorunfall, wie in TSCHERNOBYL steigt die Haeufung von Krebserkrankungen an der Schilddruese stark an.
Dies vor allem bei Kindern, bei denen diese Erkrankung im Normalfall extrem selten vorkommt.
Aber auch bei den Erwachsenen bis in das hohe Alter werden extrem hohe Erkrankungsraten nachgewiesen. Nach TSCHERNOBYL ist die Rate der Schilddrüsenkrebs -Erkrankungen bei Kindern auf
das über 100-fache, bei Erwachsenen auf das 6-fache angestiegen. Die Einnahme von hochdosiertem Jod
(Jod-Blockade) kann zwar einerseits das Auftreten einer Krebserkrankung der Schiddruese verhindern, andererseits kann die Jod-Blockade bei einigen Menschen aber eine lebensgefaehrliche Schilddruesenüberfunktion auslösen (bei Schilddrüsen-Adenomen, diffusen Autonomien, latenten Hyperthyreosen).
Wer Jod vertraegt und wer nicht, koennte mit einer einfachen Blutabnahme
( TSH-Bestimmung und dann evtl. weiteren Schilddruesen-Untersuchungen) festgestellt werden.
Für niemanden auch nicht fuer die Menschen in der 25-km-Zone ist eine solche Vorsorge-Untersuchung vorgesehen.
Statt dessen sollen Personen über 45 Jahren (angeblich aus diesen gesundheitlichen Gruenden) ueberhaupt keine Jodtabletten erhalten. (Sparmassnahmen?)
Es waere sinnvoller, dass jeder Mensch die Moeglichkeit haette, eine hochdosierte Jodtablette rechtzeitig zu erhalten.
Jeder Mensch (jung und alt) sollte aber schon weit im Vorfeld mit einem TSH-Test feststellen lassen koennen, ob er dieses Jod vertraegt, oder nicht.
Dies gilt auch fuer die Menschen im 25-km-Radius, fuer die zwar eine Tablette bereitgehalten wird,
ein solcher Test aber nicht vorgesehen ist.
Ein TSH-Test kostet im Labor (EBM) ca. DM 6.-, Eine Schachtel mit 10 Tabletten hochdosiertem Kalium Jodatum ca. DM 10.-. In den Stadt- und Landkreisen Ulm und Neu-Ulm leben derzeit etwa 500 000 Menschen.
Die Kosten dieser notwendigen Schutz-Massnahmen sollten die AKW-Betreiber tragen.
Wer der Allgemeinheit das Risiko eines Atomunfalles aufbuerdet,
sollte auch die Kosten von solchen Vorbeuge-Maßnahmen (Tablettenbevorratung und Schilddruesentest) tragen.


Mai 2000

Vortrag von Prof. Dr. med. h.c. Edmund Lengfelder, Strahlenbiologe und Reinhold Thiel,
Ulmer Aerzteinitiative

Folgen von Tschernobyl, Lehren aus der Katastrophe - auch fuer Ulm?

Vor knapp 14 Jahren haben uns die Folgen des Reaktorunfalles von TSCHERNOBYL vor Augen gefuehrt,
wie wenig sich ein Atomunfall dieser Art an die enge Begrenztheit einer Katastrophenschutzplanung haelt.
Alle damaligen theoretischen Ueberlegungen und
Einschaetzungen zum Katastrophenschutz wurden durch das Ausmass der Folgen von TSCHERNOBYL als Sandkastenspiele degradiert.
Bei der Veranstaltung erklaert Prof. Dr. med. Dr. h.c. Edmund Lengfelder,
Professor fuer Strahlenbiologie an der Universitaet München, Vorstandsvorsitzender des Otto-Hug-Strahleninstituts MHM, dass die Haeufigkeit von KREBS-ERKRANKUNGEN DER SCHILDDRUESE in den Jahren nach dem Reaktorunfall in TSCHERNOBYL stark angestiegen ist.
Dies macht sich vor allem bei Kindern bemerkbar, bei denen diese Erkrankung im Normalfall sehr selten vorkommt.
Neben einem ueberdeutlichen Anstieg der Erkrankungen bei Kindern in den belasteten Gebieten von Belarus auf das über 100-fache, ist auch in allen Altersstufen bis in das hohe
Alter eine 5-fache Zunahme von Krebserkrankungen der Schilddruese nachzuweisen.
Erkenntnisse schon frueher bekannt, aber von Internationaler Atomenergie-Behoerde nicht veroeffentlicht.'
Herr Prof. Lengfelder weist darauf hin, dass eingehende Recherchen zum Internationalen Tschernobyl-Projekt ergeben haben,
dass Experten der Internationalen Atomenergie-Behoerde IAEA, schon seit 1991 Kenntnis von histologischen Beweisen dieser Zunahme von Schilddruesen-Krebsfaellen in Haenden hatten.
Trotzdem wurde von Ihnen erklaert, "es sei keine Erhoehung feststellbar".
Dies ist eine bewusste Taeuschung der Weltoeffentlichkeit durch die IAEA und ihre Experten.
Fuer Ulm gibt es keine vorbereiteten Katastrophenschutzmassnahmen.
Auf die regionalen Besonderheiten von Ulm geht Reinhold Thiel, Sprecher der Ulmer Aerzteinitiative, Regionalgruppe der IPPNW ein.
In der Region Ulm und Neu-Ulm (Staedte und Landkreise),
leben zur Zeit ca. 500.000 Menschen in enger raeumlichen Naehe des AKW GUNDREMMINGEN.
Trotzdem enden alle vorbereiteten Katastrophenschutzmassnahmen im Falle einer Reaktorkatastrophe in GUNDREMMINGEN exakt am Kilometerkreis 25.
Fuer Ulm, 30 km entfernt, aber auch fuer alle anderen Menschen ausserhalb des 25-km Kreises gilt:
Es gibt keinen Plan zur Evakuierung.
Zum Schutz vor Krebserkrankungen der Schilddruese gibt es für die Bevoelkerung keinen Vorrat an hochdosierten Jod-Tabletten vor Ort.
Eine rechtzeitige Verteilung im Katastrophenfall an alle Buerger wird von den Katastrophenschutzbehörden als nicht als notwendig angesehen.
Ulm haette keine ausreichenden Jod-Vorraete zum Schutz vor Schilddruesenkrebs.
In keiner Ulmer Apotheke werden zur Zeit hochdosierte Jod-Tabletten vorraetig gehalten.
Im Sueddeutschen Grosshandel, der die Region Ulm versorgt, gibt es insgesamt nicht einmal 100 Schachteln
(mit - einer inzwischen veralteten Dosierung mit 100 mg - Kalium Jodatum).
Diese 100 Schachteln wuerden nicht einmal fuer die Apotheker und ihre Familien reichen.
Tabletten mit der aktuell empfohlenen Dosierung mit 130 mg sind gar nicht im Handel.
Die Katastrophenschutz-Massnahmen werden nicht von den AKW-Betreibern gezahlt.
Beide Referenten weisen darauf hin, dass bisher die Kosten der Katastrophenschutz- Massnahmen der Allgemeinheit, also dem Steuerzahler aufgebuerdet werden.
Ausserdem haften im Falle einer Reaktor-Katastrophe die Betreiber nur mit einer begrenzten Summe bis zu 1 Milliarde Mark.
Das ist weniger als 0,1% einer moeglichen Schadens-Summe.
Den Rest des Schadens muesste die Allgemeinheit bezahlen, nicht die AKW-Betreiber, die sich durch eine Konkurserklaerung allen weiteren Anspruechen entziehen koennten.


Mai 2000

Landtag von Baden-Wuerttemberg, 12.Wahlperiode,

Antrag der Abgeordneten Dr. Walter Witzel u.a., Buendnis 90 / DIE GRUENEN

Fehlende Jodtabletten fuer den Katastrophenschutz im Falle eines Atomunfalls

Der Landtag wolle beschliessen, die Landesregierung zu ersuchen,

I. zu berichten,

1. inwieweit es zutrifft, dass zur wirkungsvollen Jod-Blockade im Falle eines Atomunfalls Tabletten mit 130 mg Kaliumjodid vorgeschrieben sind und dass daher die handelsueblichen Jodtabletten zur Kropfprophylaxe (z.B. Jod im Bereich von Mikrogramm) in diesen Faellen ungeeignet sind,

2. in welchem Umfang in Baden-Wuerttemberg, aber insbesondere in der weiteren Umgebung von Atomkraftwerken die in 1. angesprochenen Jodtabletten vorraetig gehalten werden, bzw. wo in der Bundesrepublik ggf. weitere Vorraete dieser Tabletten in welcher Menge vorraetig gehalten werden und wie schnell diese im Falle eines Atomunfalls vor Ort gebracht werden koennen, bzw. an die Buerger verteilt sind,

3. fuer welche Entfernung vom Unfallreaktor die Landesregierung im Katastrophenfall noch mit einer schaedigenden Strahlenbelastung durch Radiojodid rechnet und wie hoch sie daher die Anzahl der Menschen in Baden-Wuerttemberg (in etwa) schaetzt, fuer die im Falle eines schweren Unfalls in einem Atomkraftwerk in Baden-Wuerttemberg bzw. in den angrenzenden Regionen eine wirkungsvolle Jodprophylaxe medizinisch geboten ist (ggf. nach Kraftwerkstandorten differenzieren),

4. in welcher Zeit nach Beginn des Radioaktivitaetsaustrittes die hochdosierten Jodtabletten verteilt und eingenommen sein muessen und ob die Landesregierung die rechtzeitige Verteilung der hochdosierten Jodtabletten innerhalb und außerhalb des 25km-Umkreises in dieser Zeit auch bei schwierigen Witterungsbedingungen gewaehrleisten kann,

5. inwieweit die Landesregierung die Auffassung teilt, dass im Falle eines schweren Atomunfalls die Jodblockade nicht nur auf die Menschen beschraenkt werden darf, die in einem 25km-Umkreis um das Atomkraftwerk wohnen,

6. wie die Landesregierung die in den "Rahmenempfehlungen zum Katastrophenschutz in der Umgebung kerntechnischer Anlagen" festgelegten Restriktion beurteilt, wonach für Personen, die aelter als 45 Jahre sind, keine Jodprophylaxe vorgesehen ist,

7. inwieweit die Landesregierung die Meinung der Antragsteller teilt, dass die vorhandenen Jodtabletten im Falle eines schweren Atomunfalls keineswegs ausreichen, um bei der bedrohten Bevölkerung eine wirkungsvolle Jodprophylaxe vorzunehmen,

8. ob und ggf. wann die Landesregierung beabsichtigt, wie von der Innenministerkonferenz am 11.6.99 verabschiedet, die Jodtabletten innerhalb des Bereiches von 0 bis 5 km und bedarfsweise auch bis 10 km vorverteilen zu lassen,

9. ob die Kosten für die Bevorratung und Verteilung der Jodtabletten vom Steuerzahler zu tragen sind oder ob die Kosten bei Beachtung des Verursacherprinzips von der Betreibern kerntechnischer Anlagen zu uebernehmen sind,

10. ob in Baden-Wuerttemberg sichergestellt ist, dass jeder Bürger rezeptfrei hochdosierte Jodtabletten in Apotheken erwerben kann, unabhaengig von einer noch nicht vollzogenen flaechendeckenden Bevorratung.

II. sich dafuer einzusetzen,

dass im Falle eines schweren Atomunfalls in Baden-Wuerttemberg für eine wirkungsvolle Jodprophylaxe genuegend hochdosierte Jodtabletten zur Verfuegung stehen und innerhalb eines Jahres ueber die Ergebnisse dieser Bemuehungen zu berichten.

Stuttgart, den 24.5.2000, Dr. Witzel, Oelmayer, Kretschmann, Dr. Schaefer, Stolz

Begruendung:
Die Erfahrungen aus der Katastrophe von Tschernobyl zeigen, dass es nach einer Reaktorkatastrophe zu sehr hohen Schilddruesenbelastungen durch Radiojod
z.T. auch noch in mehreren hundert Kilometer Entfernung kommt.
Folge des Radiojods ist das massenhafte Auftreten von Schilddruesenentzuendungen mit Stoffwechselstoerungen und ein extremer Anstieg von besonders aggressivem Schilddruesenkrebs,
und zwar nicht nur bei Kindern, sondern (wissenschaftlich belegt) auch bei Erwachsenen über alle Altersstufen bis ins hohe Alter schon wenige Jahre nach dem Unfall.
In Weissrussland ist nach der Tschernobyl-Katastrophe der bei Kindern sonst extrem selten vorkommende Schilddruesenkrebs auf ueber das Hundertfache angestiegen,
bei Erwachsenen bis zum Jahr 1999 bereits ueber das Sechsfache.
Auch noch Jahrzehnte nach dem Unfall kann Schilddruesenkrebs entstehen.
Die Weltgesundheitsorganisation WHO empfiehlt daher im Falle eines Atomunfalls zum Schutz von Schilddruesenkrebs die rechtzeitige Einnahme von hochdosiertem stabilen Jod, moeglichst vor dem Eintreffen der radioaktiven Wolke.
Dies soll dafuer sorgen, dass der menschliche Körper aus der radioaktiven Wolke und aus verseuchter Nahrung (Milch) kein radioaktives Jod aufnimmt und in die Schilddruese einlagert.
Dadurch kann die Entstehung von Schilddruesenkrebs verhindert werden.
Die Empfehlungen der WHO zur Jodblockade der Schilddruese wurden im November 97 auf Vorschlag der deutschen Strahlenschutzkommission in die deutschen
"Rahmenempfehlungen zum Katastrophenschutz in der Umgebung kerntechnischer Anlagen"
aufgenommen und durch die Innenministerkonferenz am 11. Juni 1999 verabschiedet.
Verschiedene Berichte deuten aber darauf hin, dass es derzeit im weiteren Umkreis von Atomkraftwerken noch nicht einmal in Apotheken wesentliche Vorraete an hochdosierten Jod-Tabletten gibt.
Daher besteht die Gefahr,
dass im Falle eines Unfalls in einem Atomkraftwerk mit Radioaktivitätsaustritt die rechtzeitige medizinisch gebotene Versorgung der Bevoelkerung mit hochdosierten Jod-Tabletten nicht gesichert ist.
Die Rahmenempfehlungen zum Katastrophenschutz in der Umgebung
kerntechnischer Anlagen begrenzen den Kreis der Personen, für die hochdosierte Jod-Tabletten bereitgehalten werden, sehr eng:
So werden nur Personen, die höchstens 25 km vom Atomreaktor entfernt wohnen, beruecksichtigt.
Ebenso ist eine Versorgung von Personen, die aelter als 45 Jahre sind, nicht vorgesehen, obwohl die traurigen Erfahrungen des Reaktorunfalls von Tschernobyl zeigen,
dass auch bei diesen Personen bei fehlender Jodprophylaxe das Krebsrisiko deutlich ansteigt.


Dezember 2001

Presseinformation der Ulmer Aerzteinitiative,

6.12.01 Aerzte warnen vor Unterversorgung.Mangelnde Vorsorge bei der Jodblockade und in der Katastrophenmedizin bei atomaren Unfaellen.Offener Brief an die Oberbuergermeister

Bei der mit 60 Personen gut besuchten Fortbildungsveranstaltung
der Kreisaerzteschaft Ulm / Alb-Donau-Kreis zum Thema Jodblockade und Katastrophenmedizin bei atomaren Unfaellen am 5.12. 01 wurde deutlich, dass nicht nur die Ulmer Buerger zur Zeit mit einem erhoehten Risikos eines atomaren Unfalles leben muessen.
Die Folgen einer solchen Katastrophe waeren unuebersehbar und keinesfalls regional begrenzt.
Trotz der Erfahrungen des Reaktorunfalles von Tschernobyl gehen die bisherigen Planungen zum Katastrophenschutz aber immer noch von einer solchen regionalen Beschraenkung aus.
Der Referent des Abends, Reinhold Thiel, Arzt für Allgemeinmedizin und Sprecher der Ulmer Aerzteinitiative machte darauf aufmerksam, dass selbst einfachste vorbeugende Massnahmen,
wie eine Verteilung von hochdosierten Jodtabletten, nicht ausreichend zur Verfügung stehen.
Obwohl eine Jodblockade mit hochdosiertem Jod als Schutz vor Schilddruesenkrebs bei Reaktorunfaellen von der WHO schon seit Jahren empfohlen ist,
werden Jodtabletten nur fuer Menschen in einem Radius von 25 km um ein AKW vorraetig gehalten,
Menschen ueber 45 Jahre sind prinzipiell von der Verteilung ausgeschlossen.
Ausserhalb des 25-km-Radius sollen nur schwangere Frauen und Kinder unter 12 Jahren mit Tabletten versorgt werden.
Aber selbst diese Versorgung steht nur auf dem Papier.
Tabletten mit der empfohlenen Dosierung von 130 mg Kaliumjodid sind in Deutschland noch gar nicht hergestellt. Tabletten mit einer veralteten Dosierung mit 0,1g sollen zwar offiziell im
bundesdeutschen Apotheken- Handel für jedermann beziehbar sein, waren aber nur im geringen Umfang vorraetig und sind seit den juengsten September - Attentaten ausverkauft.
Aerzte und Apotheker wuerden für die Jodversorgung bei einem atomaren Unfall für die Bevoelkerung die erste Anlaufstelle werden, beide Berufsgruppen sind aber im Falle einer Katastrophe dafuer nicht ausgestattet. Hochdosierte Jodtabletten muessten allerdings rechtzeitig vor dem Eintreffen einer radioaktiv belasteten Wolke eingenommen werden.
Eine Einnahme 3 Std. spaeter wuerde den Erfolg schon um 50 % reduzieren, 10 Std. spaeter hätten sie schon keinen sinnvollen Effekt mehr.
Thiel empfahl, sich fuer eine flaechendeckende Versorgung aller Buerger einzusetzen:
- "Wenn man sinnvoll vor den evtl. Folgen einer radioaktiven Belastung schuetzen will, sollte man dafuer sorgen, dass diese Jodtabletten griffbereit in jedermanns Naehe sind.
Es ist unsinnig, die Menschen erst durch die radioaktive Wolke hindurch zu einer Verteilungsstelle oder Apotheke wandern zu lassen, damit sie hinterher -schon verseucht- eine Jodtablette einnehmen."-
Selbst eine ausreichende und sinnvolle Verteilung von hochdosierten Jodtabletten koennte nicht vor allen Folgen einer radioaktiven Verseuchung der Region schuetzen. Der einzig sichere Schutz koennte nur durch ein Abschalten der Reaktoren erreicht werden.
Aber der enorme Anstieg von Schilddruesenkrebs der Menschen in Belarus nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl lehrt uns,
dass eine vorbeugende Einnahme von Jod zum richtigen Zeitpunkt trotzdem einen enormen gesundheitlichen Gewinn für die betroffenen Menschen darstellen koennte.
Deshalb richtete der Vorstand der Kreisaerzteschaft Ulm, Dr. med. Norbert Fischer und der Sprecher der Ulmer Aerzteinitiative, der Allgemeinarzt Reinhold Thiel in
einem offenen Brief einen eindringliche Appell an die Oberbuergermeister der Staedte Ulm und Neu-Ulm,
der von 51 der anwesenden Teilnehmern des Abends zur Unterstuetzung mit unterschrieben wurde.
Diese Initiative sprach sich fuer eine flaechendeckende Jodversorgung aller Haushalte in der Region aus,
um bei einem atomaren Unfall zumindest
die drohende Gefahr einer Krebserkrankung der Schilddruese zu verhindern.

Offener Brief: Jodblockade und Katastrophenmedizin bei atomaren Unfaellen

An die Oberbuergermeister der Staedte Ulm und Neu- Ulm,Frau Dr. Beate Merk und Herrn Ivo Goenner vom 5.12.2001

Sehr geehrte Frau Dr. Merk, sehr geehrter Herr Goenner,
erst juengst haben uns die September- Attentate in den USA vor Augen geführt, wie schnell eine bestehende Sicherheitsphilosophie ad absurdum gefuehrt werden kann.
Auch wir hier in Ulm haben nicht nur das schon als normal empfundene
"Rest"-Risiko eines moeglichen atomaren Reaktorunfalles zu tragen, sondern sollen auch zusaetzlich mit dem Risiko eines Kamikaze- Angriffs auf eine Atomanlage leben.
Schon vor Jahren haben uns die Folgen des Reaktorunfalles von Tschernobyl vor Augen gefuehrt, wie wenig sich ein Atomunfall an die enge Begrenztheit einer Katastrophenschutzplanung haelt.
Alle damaligen theoretischen Ueberlegungen und Einschaetzungen zum Katastrophenschutz wurden von den Folgen weit uebertroffen.
Die Jodblockade mit hochdosierten Kaliumjodid als Schutz vor Schilddruesenkrebs bei Reaktorunfaellen ist von der WHO schon seit Jahren empfohlen.
Sie hat mittlerweile Eingang in bundesdeutsche Katastrophenschutzrahmenplanungen gefunden.
Die reale Umsetzung und der Umfang der Planungen sind extrem unzureichend gestaltet.
Bei einem atomaren Unfall wuerden zwar die Ulmer und Neu- Ulmer Aerzte und Apotheker bei der Bevoelkerung die erste Anlaufstelle werden,
beide Berufsgruppen sind aber im Falle einer Katastrophe dafuer nicht ausgestattet. Selbstverstaendlich kann eine ausreichende und sinnvolle Verteilung von hochdosierten Jodtabletten im Ulmer und Neu-Ulmer Raum
nicht vor allen Folgen einer radioaktiven Verseuchung der Region schuetzen.
Der einzig sichere Schutz koennte nur durch ein Abschalten der Reaktoren erreicht werden.
Für so eine Entscheidung koennen sie sich zwar einsetzen,
Sie sind aber dafuer in Ihrem Amt nicht zustaendig.
Eine ausreichende Versorgung der Ihnen anvertrauten Buerger mit hochdosierten Jod liesse sich in Ulm - in Relation zu dem enormen gesundheitlichen Gewinn der Betroffenen - mit wenig Aufwand erreichen.
Wir bitten Sie deshalb, für Ihre Staedte eine solche Verteilung zu veranlassen.
Es ist uns bewusst, dass Sie bei derzeit bestehender Gesetzeslage nicht zu einer solchen Massnahme verpflichtet sind.
Wir appellieren aber an Ihre Fuersorge.
Wenn alle Buerger der Region ausreichend mit hochdosiertem Jod ausgestattet waeren,
dann waere Ulm und Neu- Ulm auch in diesem Punkt "Spitze im Sueden".
Gerne sind wir bereit, die notwendigen Details und Rahmenbedingungen mit Ihnen zu besprechen.

gez. Dr. med. Norbert Fischer, Vorsitzender der Kreisaerzteschaft Ulm, Reinhold Thiel, Arzt für Allgemeinmedizin, Sprecher der Ulmer Aerzteinitiative

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